verflixte Maulbeere

Das fing ja schon beim Pflanzen an. Der Verkäufer sagte uns, sie benötige die wärmste und geschützteste Stelle im Garten. Die hat sie bekommen- an der südlichen Hauswand mit viel Wärmespeicher im Rücken. Das gefiel ihr so gut, dass in kürzester Zeit aus dem kleinen zarten Pflänzchen ein ziemlich großer mehrstämmiger Baum wurde. Der stand nun da an der Hauswand ziemlich ungünstig. Also wurde die Maulbeere umgepflanzt in den Innenhof, wo wir vorher eine kranke Sauerkirsche hatten fällen müssen. Dort hatte sie genug Platz zur Entfaltung, den sie auch prompt nutzte.

Hatte mein Mann Bedenken, ob sie mit den wenigen Wurzeln die Umpflanzaktion überhaupt überstehen würde, so schmollte die Maulbeere nur zwei Jahre, und dann legte sie los. Und sie lieferte das erste Mal auch Früchte. Die waren allerdings nicht, wie bei einem schwarzen Maulbeerbaum zu erwarten, schwarz, sondern weiß. Also war es nicht die empfindlichere morus nigra, sondern die robustere morus alba. Wenn man das nun nach etwa 10 Jahren Intensivbetreuung merkt, steht man vor der Wahl- raus reißen weil ist nicht, was man wollte, oder achselzuckend hinnehmen und an zweiter Stelle einen neuen Versuch morus nigra starten. Der Verkäufer stritt vehement ab. Das könne gar nicht sein, sie wäre von einer schwarzen Maulbeere. Hm, nein- definitiv nicht!

Inzwischen besitze ich ein entzückendes kleines Büchlein „Maulbeeren – Zwischen Glaube und Hoffnung“, und darin steht zu lesen, dass die Früchte vom weißen Maulbeer Ende Juni bis Mitte Juli reifen (stimmt mit meinen Erfahrungen überein), die des schwarzen Maulbeer aber von Ende Juli bis September. Zudem schreiben die Verfasser: „Die Ende Juni bis Mitte Juli reifenden Früchte können sowohl weiß, violett, rot oder schwarz sein, was selbst bei Fachleuten dazu führt, einen Morus alba für einen morus nigra auszugeben.“ Ha, recht gehabt.

Ganz so klug, wie von Plinius gepriesen, ist der Maulbeerbaum aber nicht. „Von allen kultivierten Bäumen ist der Maulbeerbaum der letzte, der ausschlägt, was niemals vor Ende der spätesten Fröste passiert.“ Bei uns ist er vor zwei Jahren auch auf den wunderschönen Frühling mit den sehr warmen Tagen im April hereingefallen, und dann kam im Mai der Frost. Aber die Walnuss von gegenüber war auch nicht klüger. Sonst ist sie ähnlich vorsichtig wie die Maulbeere, und beide bekamen böse Frost ab. Also schmollten sie vier Wochen, und dann entschieden sie sich doch noch mal zum Durchtreiben.

Auch der Winter 2012 hat sichtlich Spuren hinterlassen, sie wirkt ziemlich gerupft. Das hindert sie aber nicht, Unmengen an sehr süßen weißen Beeren zu produzieren. Die sind nun keinesfalls auf einmal reif, sondern nach und nach über 6 Wochen hin. Dafür halten sie sich selbst im Kühlschrank maximal 24 Stunden. Deshalb bekommt man sie auch nicht frisch im Handel. Man kann auch nicht pflücken. Also haben wir uns eine Konstruktion mit Gardinennetzen überlegt, die jedes Jahr unterhalb der Maulbeere aufgespannt werden. Dort fallen die meisten der Früchte hinein, und können zweimal täglich heraus gesammelt werden. Und dann?

Im ersten Jahr habe ich sie getrocknet. Man bekommt sie ja auch im Handel in getrockneter Form. Sie sind dann sehr süß. Aber sie schmecken nun nicht so, dass wir den ganzen Winter davon essen wollen würden, und die Süße nimmt auch mit zunehmender Lagerzeit rapide ab und verändert sich in Richtung Stroh. Also wurden sie zu Vogelfutter (die wollen die dann aber auch nicht mehr…). Dann kam der Versuch mit Sirup. Maulbeersirup soll klasse schmecken. Allerdings nehmen die in den Rezepten die Beeren von Morus nigra. Versuchen kann man es trotzdem. So richtig toll schmeckte es nicht. Der Sirup hat den selben merkwürdigen Beigeschmack wie Rübensirup auch, und der schmeckt mir zumindest gar nicht.

Dieses Jahr dann mit dem Büchlein im Hintergrund folgten die nächsten Versuche, aus den Unmengen von Beeren etwas Brauchbares und Leckeres zu zaubern.  Zunächst versuchte ich es mit der Marmelade, schließlich war das Rezept [500 g weiße Maulbeeren, 250 g Gelierzucker und 2 EL Limettensaft] extra für die weißen gedacht. Um noch eine persönliche Note hinein zu bringen, gab es in ein paar Gläser einen Zweig Zitronenverbene. Die Marmelade wurde nicht fest. Und sie war furchtbar (!!!) süß. Zeitgleich hatte ich angefangen, die Maulbeeren als Kompott einzulegen. Besonders schöne Exemplare wurden mit einer kleinen spitzen Schere von ihrem Stil befreit und in ein Glas geschichtet. Das wurde mit einem Sud aus 2 Teilen Limettensaft, 2 Teilen Wasser und einem Teil Zucker aufgegossen. Nach den bisherigen Versuchen war ich doch misstrauisch geworden, und so habe ich ein Glas nach 24 Stunden aufgemacht und probiert. Ja, schmeckte nach Maulbeere, war nicht zu süß und nicht zu sauer (für meinen Geschmack, meinen Mann habe ich noch nicht gefragt), konnte also so bleiben. So habe ich denn nach jeder Maulbeersamlung die schönsten in Gläsern eingekocht, die anderen in einem großen Topf zu Sirup gekocht. In meinem zweiten Sirupversuch habe ich gut 1 kg Beeren mit 0,4 l Limettensaft aufgekocht, das Ganze durch ein Sieb ablaufen lassen, und die entstandenen 0,75 l Saft mit 400 g Zucker aufgekocht und in Flaschen abgefüllt. Den nächsten Morgen war der Inhalt fest! Vor der Festigkeit konnte die Marmelade nur träumen. Wie bekommt man festes Maulbeergelee wieder aus den Flaschen?

Eigentlich hatte ich für dieses Jahr die Nase gestrichen voll von der Maulbeere. Die nahm darauf aber keine Rücksicht und warf weiter mit Beeren nach mir. Entnervt habe ich erst einmal die Flaschen wieder heiß gemacht und den Inhalt in Geleegläser umgefüllt. Selbst heiß war das Zeug extrem dickflüssig und klebte fürchterlich. Im dritten Sirupversuch habe ich dann auf den Zucker verzichtet. Inzwischen waren meine Limettenvorräte aufgebraucht, und so musste ich die Beeren mit Zitronensaft aufkochen, auf 1,5 kg Beeren kamen 0,4 l Zitronensaft, die wurden aufgekocht und wieder durch ein Sieb abgeseit. Das Ergebnis kochte dann wieder 4 Stunden ein und ergab sage und schreibe 0,2 l Sirup. Den hat mein Mann, weil zufällig in der Nähe, dann probiert, und eindeutig für zu sauer befunden. Ich fand den Geschamck leicht bitter. Irgendwo in einem alten Kochbuch hatte ich doch auch gelesen, man soll Zitronensaft nicht mit kochen. Warum nicht? Marmeladen setzt man doch auch Ascorbinsäure oder Zitronensaft zu, damit sie gelieren? Scheint aber was dran zu sein.

Und immer noch gibt es jeden Tag drei Pfunde Beeren, die reif vom Baum fallen. Entnervt packe ich sie, ähnlich wie die zur Unzeit reifenden Himbeeren auch, auf Tabletts in die Gefriertruhe. Nur erst mal weg!  Einige schöne kommen auch in einen Rumtopf. Das hatte ich schließlich auch noch nicht ausprobiert. Der Rest wird schließlich wieder getrocknet. Wenn wir doch nur schon Hühner hätten!!!