Rund und schwarz und stachelig

pflückst du’s ab, so sticht es dich: Über eine ausgesprochen wehrhafte Sippschaft

Stachelbeeren sind (ausgereift) ausgespochen lecker, aber die Ernte ist absolut nichts für Empfindliche. Wer sich die in den Garten holt, ist aber schon aufgrund des Namens vorgewarnt und sollte von daher wissen, worauf er/sie sich einlässt. Sprechen Fachleute von der Stachelbeere, so warnen sie zumeist nur vor dem Mehltaubefall und geben Tipps zur Vermeidung. Vor den mit der Haltung, Pflege und Nutzung verbundenen Unannehmlichkeiten  wird aber kaum gewarnt.

Nun sammle ich so ziemlich alles, was unter den Begriff essbare Früchte fallen könnte, und kam entsprechend 2002 auch zu der Worcesterbeere. Beschrieben wurde sie wie folgt:

„Eine wirkliche Beerenobstrarität, der man mehr Beachtung schenken sollte. Robust und pflegeleicht und mit fast jedem Boden und jeder Lage zufrieden. Nach Erhalt etwas tiefer pflanzen wie im Topf gestanden, das fördert die Verzweigung. Nicht schneiden, sondern nur alte Triebe an der Basis entfernen, damit jährlich junges Fruchtholz zur Verfügung steht.“

Von einer Verwandtschaft mit der Stachelbeere keine Spur. Meine Erwartungen waren denn auch andere. Natürlich hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits Stachelbeeren, viele grüne und ein paar blaue.

Und nun hatte ich auch eine Worcesterbeere, ein kleines zarten Pflanzlein, das erst einmal dahin kam, wo Platz war, und das war an der Nordseite direkt hinter einem 1,8 m hohen Dichtzaun. Dummerweise liebte dieser Strauch den Standort (wie eben Stachelbeeren und Johannisbeeren den Waldrand lieben), und er legte zu. Bei mir stellte er sogar die Jostabeere vom Ausbreitungsdrang her in den Schatten, und die kann nun wirklich zulegen. Dummerweise habe ich die Empfehlung, nicht zu schneiden, auch befolgt. Nach drei Jahren hatte er einen Platz von gut 2 mal 2 Metern erobert, und die Ernte war ohne ernstliche Blessuren kaum noch möglich. Der Strauch war ein Wirrwarr von Ästen und Zweigen mit reichlich Früchten, an die ich aber nicht heran kam.

Der selbe Händler hatte dann 2010 die russische Riesenbeere

Ein Exot unter den Beerensträuchern. Die Honigbeere ist ein Elternteil, den anderen kennt man nicht. Dieser Busch kann über 4 Meter hoch werden, natürlich durch Schnitt auch kleiner zu halten. Blau-schwarze Beeren mit honigartigem Geschmack. Extrem frosthart und anspruchslos. Selbstfruchtbar. Getopft.“

und die schwarze Honigbeere

„Eine uralte Beerensorte, aber kaum bekannt. Botanisch Ribes divaricatum. Blau-schwarze Beeren mit ganz lieblichem Geschmack. Massenträger und sehr robust. Sehr selten und kaum zu bekommen im Handel. Selbstfruchtbar. Getopft.“

im Angebot, und wieder konnte ich nicht widerstehen. Vorsichtshalber nehme ich ja auch immer zwei Exemplare, falls dann der Ertrag besser ist oder eine eingeht oder… . Und jetzt stehe ich da mit sechs riesigen und sehr sehr stacheligen Sträuchern und frage mich, wo ist hier der Unterschied?

Alle drei wachsen sehr gut, und nach versuchtem Schnitt zwecks Bändigung legen sie immer noch mal einen Zahn zu. Hatte ich sie der besseren Erntbarkeit zunächst auf ein Hochbeet gepflanzt, musste ich sie dort schon nach einem Jahr wieder runter nehmen, denn hinten war kein Rankommen mehr und Stacheln in Augenhöhe sind auch nicht angenehmer als in Bauchhöhe. Jetzt stehen sie in Reihe im Halbschatten und tragen, dass man kaum glaubt, dass sie dort erst seit letzten Herbst stehen. Dünger oder zusätzliche Bewässerung haben sie nie gesehen, und krank waren sie auch noch nie. Werden meine Stachelbeeren öfter mal von der Stachelbeerblattwespe heimgesucht und haben innerhalb von zwei Tagen kein einziges Blatt mehr, so passierte das den wilden Verwandten bislang nicht. Ich gehe inzwischen davon aus, dass es sich bei allen dreien um wilde Stachelbeeren handelt, denn für die Worcesterbeere habe ich dies in einem Fachbuch bereits bestätigt bekommen.

Wenn ich bei den dreien ganz genau hinschaue, so kann ich zumindest feststellen, das eine der drei Arten (oder doch wohl eher Sorten, aber das ließe sich wohl nur per Genanalyse klären) einen etwas kleineren, dafür aber bogig überhängenden Wuchs hat. Die Beeren haben zum Teil auch eher eine leichte Eiform, während die anderen Beeren deutlich rund sind. Und sie sind schneller ganz schwarz durch gefärbt, während die runden sehr lange einen Rotton behalten.

Mein Mann behauptet auch, die eine runde Sorte hätte deutlich weniger Säure als die andere runde. Ich habe nun fotografiert und vermessen und kann als Ergebnis zumindest für das Jahr 2013 angeben:

Worcesterbeere Russische Riesenbeere Schwarze Honigbeere
Max. Fruchtbreite 1,6 cm 1,2 cm 1,2 cm
Max. Fruchtlänge 1,8 cm 1,5 cm 1,3 cm
Min. Fruchtbreite 1,1 cm 1 cm 1 cm
Min. Fruchtlänge 1,2 cm 1,05 cm 1,05 cm
Fruchtform Eher rund Eher eiförmig Eher rund
Geschmack Deutlich säuerlich Wenn fast schrumpelig und tiefschwarz, dann fast süß Etwas weniger Säure als Worcesterbeere
Max. Blattbreite 6 cm 4 cm 4,3 cm
Max. Blatthöhe 4,5 cm 3,5 cm 3 cm
Randausprägung Blatt Sehr spitze Zacken Sehr runde Etwas zwischen beiden
Oberfläche Blatt Eher flach Eher runde gewölbte Oberfläche Etwas zwischen beiden
Strauchhöhe Ca 130 cm Ca 130 cm Ca 130 cm
Erntemenge 4,1 kg aus 2 Sträuchern 1,73 kg (2 Sträucher) 1,52 kg (2 Sträucher)

 

Im Unterschied zu den echten Stachelbeeren (jedenfalls meinen) knacken sie nicht leicht beim zubeißen, sondern fühlen sich weich zwischen den Zähnen an.

Verwendet werden sie zum Naschen und zur Saftbereitung. Der Saft allerdings ist superlecker, aber eben auch schwer erkämpft. Im nächsten Jahr werde ich sie wieder umpflanzen, auf die Pferdeweide. Denn selbst den Pferden sind diese Genossen zu pieksig zum Fressen, und nur dort kann ich so große Abstände zwischen den Büschen lassen, dass ich noch bequem rund herum gehen kann.