Die Illusion vom Landleben

Hochglanzzeitschriften zum Landleben haben den deutschen Zeitungsmarkt regelrecht überflutet. Bei so viel Angebot muss wohl auch die entsprechende Nachfrage, die Sehnsucht nach Landleben entsprechend groß sein. Mit der Wirklichkeit von Hofbewirtschaftung oder Selbstversorgung haben die Darstellungen indes nur wenig gemeinsam, hier herrscht immer schönes Wetter, die Tiere sind gesund, stehen auf leuchtend grünen Wiesen oder in tiefgoldenem Stroh, Gemüse und Früchte sind reichlich, wunderschön anzusehen und ebenfalls kerngesund und alles findet sich in romantisch passendem Ambiente wieder.

In unserer durch und durch technisierten Welt, in der alles und jedes jederzeit in unendlichen Variationen verfügbar ist, in der Waren im Eiltempo um die ganze Welt gekarrt werden, da scheint etwas Wesentliches verloren gegangen zu sein. Das heutige reale Landleben spielt sich irgendwo zwischen Agrarfabriken, Energieerzeugern und Demeterhöfen ab. Je spezialisierter und größer, desto ertragreicher mit umso mehr EU-Subventionen. Die Bauernhöfe aus meiner Kindheit mit Kuh, Schwein, Hühnern und Hahn, Gänsen und Enten, grünen Weiden und Getreidefeldern  existieren nur noch in entsprechenden Kinder-Bilderbüchern, und eben in den Märchenheften für Erwachsene. Selbst Biohöfe überleben nur spezialisiert, weil sich die teuren Maschinen sonst nicht rechnen. Die Arbeitskraft des Menschen spielt nur noch eine sehr untergeordnete Rolle, der Bauer wurde zum Bediener von Maschinen.

Die Diskrepanz zwischen Wunsch und selbst verursachter Wirklichkeit könnte kaum größer sein. Für ein daraus logisch folgendes Handeln sind wir vermutlich zu satt. Hatte der Krieg und seine Nachwirkungen dafür gesorgt, dass Selbstversorgung für jeden mit ein bischen Erde selbstverständlich war, geht inzwischen jeden Tag mehr Wissen und Vielfalt verloren. Meine Landlebenkindheitsprägung stammt aus Besuchen im Raum Göttingen, wo meine Großtanten ein altes Fachwerkhaus mit Schwein im Stall, Hühnern, Gemüsegarten und Obstwiese hinterm Haus bewirtschafteten, und zwar bis ins hohe Alter. Ihre kleine Selbstversorgung hatte im und nach dem Krieg bis zu 8 Menschen mit dem Nötigsten versorgen können. Inzwischen sind sie verstorben, und ich stehe mit meinen Fragen da. Gern hätte ich gewusst, welche Gemüse sie angebaut haben, woher das Saatgut im und nach dem Krieg kam, ob es regional typische Sorten gab und gern würde ich ihre alten Sorten weiter anbauen und vermehren, aber es ist zu spät.

Statt dessen wird versucht, das alte Wissen wenigstens mit Sendungen wie „Der letzte seines Standes“ zu konservieren, und Saatgut frieren wir in Spitzbergen ein. Dabei wird vergessen, dass alte Handwerkskunst, das Wissen über wann und wie und warum, dass all dies langsam erlernt und immer wieder ausgeübt werden muss, um zur Meisterlichkeit zu gelangen. Auf dem Weg dahin warten schon unter fachkundiger Anleitung oft genug Frust und Fehlschläge, im Alleingang indes ähnelt es doch der Neuerfindung des Rades. Wären wir selbstverständlich mit einer gewissen Selbstversorgung aufgewachsen und hätten von klein auf die Anleitung dazu erfahren, wäre sie wohl auch heute noch ein Stück weit selbstverständlicher. Aber dazu machen Tiefkühllieferservice und die Discounterangebote die Versorgung auf anderem Wege wohl zu einfach und eben auch zu billig. Wenn wir das aber im Grunde (moralisch?) nicht wollen, decken wir den Einkauf mit einem entsprechenden Landleben-Heft ab, das die Gefühlswelt dann wieder entsprechend ausgleicht.

So spart man sich zwar die Rückenschmerzen und macht sich die Hände nicht schmutzig, aber das echte Gefühl der Verbundenheit mit dem Jahresablauf und der Erde will sich so nicht einstellen. Dabei gibt es auch heute noch genügend Möglichkeiten, sich die Sehnsucht nach Selbstversorgung zu erfüllen, man braucht dazu nicht einmal ein eigenes Stück Land. Immer noch gibt es die alten Schrebergärten, oft sogar noch in der Hand von alten Menschen, die gern ihr Wissen mit dem Garten zusammen übergeben würden (und beides ist gleichermaßen wertvoll). Will man sich so lange nicht binden, kann man auch bei einem Bauern ein Stück Gartenland für (jeweils) ein Jahr übernehmen, inzwischen gibt es in ganz Deutschland mehrere Initiativen hierzu. Und damit könnte ein echtes Gefühl von Landleben mit allen Nebenwirkungen seinen Anfang nehmen.

Am Anfang könnte der Anbau von einfachen Gemüsen stehen. Mit der Zeit und gewonnener Erfahrung kommen naturgemäß immer neuere Arten hinzu und von manchen anderen verabschiedet man sich, weil sie einfach nicht gelingen wollen. Wer ein Stück Land bewirtschaftet, lernt schnell, dass sich nichts erzwingen lässt. Automatisch stellt sich irgendwann die Frage, was mache ich mit Ernteüberschüssen. Entweder ich gebe es an Freunde oder Bekannte ab, oder aber ich beschäftige mich mit der guten alten Konservierung. Auch hier ist dann wieder festzustellen, dass Erfahrung zunehmend verloren geht. Was bei Witwe Bolte noch so selbstverständlich war, brauchte bei uns doch 10 Jahre eigenes Krautstampfen, bis das Sauerkraut das erste Mal genau richtig war und sich tatsächlich gut über den Winter im Topf hielt.

Wurden zunächst die Pflanzen noch beim Gärtner gekauft, so wandert immer häufiger auch Saatgut in die Erde, und irgendwann beginnt man mit dem Anziehen schwierigerer Kulturen. Und mit ein bischen Glück findet man seine Sorten, die man dann auch weiter anbauen will, und damit landet man dann bei der Königsdisziplin, der eigenen Saatgutgewinnung. Sie ist, neben dem eigenen Kompost als Dünger, das so häufig noch fehlende Glied im Kreislauf. Über Jahrtausende war es selbstverständlich, einen Teil der Ernte (den schönsten!) für die Aussaat im nächsten Jahr zurück zu behalten. Die Sicherung der nächsten Aussaat war gleichzeitig die Sicherung der Nahrung für das nächste Jahr. Auch diese Selbstverständlichkeit ist uns in den letzten 50 Jahren mit Monsanto und Co verloren gegangen. Die Industrie wünscht sich unsere Abhängigkeit, den nur so ist Gewinnmaximierung möglich. Das gilt auch für die Saatgutherstellung, die wir schon längst in fremde Hände gegeben haben. Die wesentliche Grundlage für unsere tägliche Nahrung liegt in Fernost.

Wenn Menschen aber so lange erfolgreich Saatgutgewinnung für den eigenen Bedarf praktiziert haben, was eigentlich hält uns heute davon ab, es genauso zu machen? Nach meinem Wissen wird  die Saatgutgewinnung nicht einmal in den klassischen Ausbildungsberufen zum Gärtner im Gemüseanbau gelehrt, und damit existierte es in diesem Land quasi nicht mehr (von ein paar wenigen Forschungseinrichtungen oder Genbanken einmal abgesehen), gäbe es nicht ein paar Initiativen, die auch hier dem Verlust der Artenvielfalt entgegen wirken wollen. Sie haben oft auf ehrenamtlicher Basis Saatgut zusammengetragen und kämpfen für den kontinuierlichen Anbau in Hausgärten, so wie es früher eben üblich war. Zudem bieten sie Hilfestellung und teilweise auch Seminare zu dem Thema Saatgutgewinnung an.

Genauso, wie ein Liebesroman nicht das Gefühl erlebter Liebe ersetzen kann, kann die Zeitschrift Landidylle nicht echtes Landleben ersetzen. Wie virtuell wollen wir unser Leben gestalten und wie echt wollen wir fühlen und handeln? Und woraus soll unsere Nahrung in Zukunft bestehen? Wie viel Auswahl wollen wir noch haben und wie verantwortlich wollen wir uns für unsere Nahrung fühlen? Die Industrie braucht maximal drei Kartoffelsorten, auf peruanischen Äckern wachsen an die 4000 Sorten! Brauchen und wollen wir wirklich die vorgekochte und mit Rosmarin bestreute Kartoffel auf Kunststoffschalen mit Plastikfolie überzogen im Kühlregal, weil wir längst vom Anbau über Ernte, Lagerung und Zubereitung alles Wesentliche aus der Hand gegeben haben? Oder brauchen wir tatsächlich wieder Notzeiten mit Hunger, um aufzuwachen und zu begreifen, wie grundlegend wertvoll Nahrung ist? Wer die Saat hat, hat die Macht. Ich wünsche mir, dass die Menschen weltweit sich diese Macht von den Konzernen zurück erobern.

Unterstützung bei Gemüseanbau und Saatgutgewinnung geben:

Arche Noah http://www.arche-noah.at

VEN http://www.nutzpflanzenvielfalt.de

VERN vern.de/

www.bingenheimersaatgut.de/

www.dreschflegel-saatgut.de/